Was bin ich? Spurensuche als Sonntagsspaziergang.

Eine U-Boot- und Torpedowerft?

Eine Kammgarnspinnerei?

Ein Industriedenkmal?

Ein Ort mit vielen Gesichtern!

Verlassene Orte mit Geschichte haben mich schon immer fasziniert. Im Rahmen des Architekturstudiums fielen die Hemmungen dieses Interesse zu verfolgen und brachliegende Orte zu erkunden. Oft gehörte eine Ortsbegehung zum Auftakt eines Entwurfsseminars und war nicht immer ganz ohne Hindernisse möglich. Diesmal war ich allerdings höchst offiziell unterwegs und angekündigt.

Obwohl ich sofort Feuer und Flamme für das Gelände unseres Projektes in Wilhelmshaven war, dauerte es bis ich mich auf den Weg machte. Ein Besuch bei meiner über den Norden verstreuten Familie machte schließlich einen Abstecher in die Hafenstadt möglich. Ich startete meinen Sonntagsausflug von Bremen aus und erreichte nach einer kurzen Autofahrt Wilhelmshaven. Als erstes sah ich das Wasser, den Banter See und dann auch recht bald das prägnante Gebäude.

Der Eingang erinnert an eine alte verlassene Westernstadt und das, obwohl wir nur einige Gehminuten vom Meer entfernt sind. Ein offenes Eisentor trägt dieselben Initialen, wie sie auch auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes zu lesen sind, KSW. Fehlt nur noch der einsame Strohballen, der vom Wind durch die verlassenen Gänge zwischen den Hallen geweht wird. Und Auftritt: Lonesome Cowboy!

Auf dem Gelände liefen wir über Bahnschienen, die ins Nichts führten, schauten durch zerbrochene Fensterscheiben, fanden alte Werkzeugkoffer und verfallene Baracken. Überall Spuren, die Geschichten erzählen. Saß hier jemand in der Sonne bei einem Feierabendbier? Hatte hier jemand das Motorrad vor die Werkstatt geschoben, um daran zu werkeln und war dann von etwas anderem abgelenkt worden, vielleicht von einem plötzlichen Regen? Rollten hier früher die Züge mit den Arbeitern zur Frühschicht an?

Was ist hier früher wirklich passiert?

Bei dem markanten Backsteinbau, Baujahr 1911, handelt es sich um das Verwaltungsgebäude einer ehemaligen Torpedo- und U-Boot-Werft, die so genannte Uto-Werf, wie man auf der Seite des Küstenmuseums Wilhelmshaven nachlesen kann. Neben dem Verwaltungsbau bestand das ca. 7 ha große Werft-Gelände hauptsächlich aus Werkhallen, die den Ersten Weltkrieg nicht überstanden hatten. Das Verwaltungsgebäude war unversehrt geblieben.

Die Buchstaben „KSW“ auf dem Dach des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Kaiserlichen Werft künden noch heute von der 40 Jahre andauernden ehemaligen Nutzung des Gebäudes durch die Kammgarnspinnerei Wilhelmshaven AG. Worum es sich genau bei Kammgarn handelt, musste ich allerdings auch erst einmal nachlesen.

Wie durch ein Wunder überstand das Gebäude auch den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet, wie ein Luftbild des Geländes aus den Nachkriegsjahren zeigt. Klingt doch spannend, oder?

Ich kann es nicht ändern, der Ort beflügelt meine Phantasie. Zahlreiche Filmassoziationen und mögliche Szenarien spielen sich bei der Erkundung des Geländes vor meinem inneren Auge ab:

Zwischen den Hallen, wenn eines der zahlreichen Kleinflugzeuge vom angrenzenden Flugplatz startet, sieht man sich in einem Mafiadrama oder beim Aufdecken eines großen Umweltskandals. War das gerade Erin Brockovich?

Auf den Parkflächen vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude spielt sich in meiner Phantasie eine Szene aus West Side Story ab: wehende Petticoats und ein Tanz-Wettkampf zwischen den Jets und den Sharks.

Der alte Sportwagen ist zwar kein DeLorean, aber Doc Brown hätte sicherlich auch dieses Teil zur Zeitmaschine umbauen können. Wer braucht bei diesem Turm noch ein Rathaus?

Da ich mit diesen Assoziationen nicht allein dastehe, ist es nicht verwunderlich, dass das Gebäude schon oft für Foto-Shootings oder Film-Drehs genutzt wurde. Hier auf dem Gelände scheint so ziemlich alles möglich!

Wir sollten alle gespannt sein was die Zukunft für das Gelände bringt!

Weitere Informationen zu dem Gelände findet man auf der Homepage des Projektentwicklers und auf der SEHW-Homepage kann man mögliche Zukunftsszenarien sehen.

LK

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