Warenhäuser der Nachkriegsmoderne

Es waren einmal Warenhäuser gewesen … waren…Häuser gewesen…

Als ein Kind West-Berlins (BJ 1979) bin ich wie selbstverständlich mit der Architektur der Nachkriegsmoderne aufgewachsen. Zum Bespiel gab es im Bikini-Haus (BJ 1955-57), an der Budapester Straße in der City-West (vor seiner Sanierung) einen Laden für Poster der ein unbedingtes Muss für jeden Shopping-Bummel nach der Schule war. Titanic und zahlreiche andere Filme habe ich im Zoo-Palast (BJ 1956 – 57) gesehen und die Zauberflöte, in der Kinderfassung mehrmals in der Deutschen Oper (BJ 1957 – 61). Ist es nun verwunderlich oder nachvollziehbar, dass ich ein Faible für die Architektur der 50er, 60er und 70er Jahre habe?

Diese oftmals stark vertikal gegliederten Fassadenraster, die -anders als die vermeintlich puristischen Glasfassaden- das sind, was sie zu sein vorgeben, flößen mir ein vertrautes Gefühl ein und ich finde es wird höchste Zeit, dass sich die Architekten der Reinterpretation dieser Epochen und der Revitalisierung dieser Häuser widmen.

Besser spät als nie!

Einige spannende Wiedererweckungen von Nachkriegsarchitektur konnte man in Berlin kürzlich beobachten, zum Beispiel den Umbau der St. Agnes Kirche, von Werner Düttmann (BJ 1967) zur Galerie Johann König sowie das bereits genannte Bikini-Haus. In der Nähe vom Bierpinsel haben Ortner und Ortner eine schöne neue/alte Einkaufswelt erschaffen. Der Boulevard Berlin in Steglitz ist eine dankbare Abwechslung zu den zahlreichen neu entstandenen gesichtslosen Malls. Das ehemalige Kaufhaus Wertheim (BJ 1951-52) wurde gemeinsam mit dem Karstadt-Haus neu interpretiert und zu einer modernen Einkaufwelt gestaltet, die den Charme der Erbauerjahre weiterhin spürbar werden lässt.

Viele dieser von mir so lieb gewonnen Fassaden gehören zu ehemaligen Warenhäusern und wenn ich mal über meinen Berliner Tellerrand hinüberluge, dann ist klar, dass es diese Schätzchen des Wirtschaftswunders in nahezu jeder deutschen Stadt geben muss. Mit Namen wie Horten, Hertie Karstadt, Konsument und Centrum pflastern sie die Fußgängerzonen.

Durch Strukturwandel und verändertes Konsumverhalten verringert sich die Anzahl der florierenden Warenhäuser stätig. Dies führt folgerichtig zu Leerstand, da die Gebäude in Ihrer Planung monofunktional gedacht waren. Es ist also längst an der Zeit sich mit der Frage zu beschäftigen, wie diese Gebäude neue Nutzungen zugeführt werden können.

Nicht nur das Deutsche Architektenblatt widmet sich mittlerweile dem Thema, auch die Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 hat eine Broschüre zum Thema veröffentlicht. Und die Stadt Herne ging noch weiter, sie bat 24 Studenten des Fachbereichs Architektur:ProjektEntwicklung der Hochschule Bochum von Prof. Xaver Egger, die Potentiale des alten Hertie Kaufhauses in der Herner Innenstadt zu untersuchen und in einer umfassenden Studienarbeit neue Nutzungskonzepte zu erarbeiten. Es sind neun spannende Arbeiten entstanden, die in einer Broschüre veröffentlicht und im Rathaus der Stadt ausgestellt wurden.

Am besten hat mir persönlich die Idee eines geheimen Gartens samt Indoor Camping gefallen. Aber macht Euch gerne selber ein Bild, die Broschüre kann über die Untere Denkmalbehörde in Herne herunter geladen werden.

Es wäre schön, eine der Ideen realisiert zu sehen, da sich auch dieses Gebäude in die Sammlung von Fassaden der Nachkriegsmoderne einreiht, die mein Herz höher schlagen lässt. Vermutlich weil ich sie mit dem Herzklopfen in der Kinoschlage vor dem Zoopalast verbinde.

LK

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