Das dumme Haus

Ideen, die dein dummes Haus schlauer machen

Warum und wozu sind wir hier?

Vom kleinen zum großen Maßstab wurden auf dem Bauwelt-Kongress 2018 Projekte wie die Smart City Songdo in Korea oder das Futurium in Berlin (Richter Musikowski) präsentiert. Ideen und Einfallsreichtum zu smarten Stadtentwicklungen lieferten sich einen Schlagabtausch. Antizipiert und diskutiert wurden Ideen für die Stadt 4.0. Oder 5.0? Auf welcher Entwicklungsstufe befinden wir uns eigentlich? Und überhaupt: Brauchen wir mehr schlaue Häuser? Was zeichnet ein schlaues Haus eigentlich aus?

Um hier kurz Aufklärung zu schaffen: das dumme Haus steht für das klassische Haus, welches im Inneren wie Äußeren statisch und unverrückbar dasteht. Das schlaue Haus hingegen löst sich im Inneren vom klassischen Haus und transformiert sich zu einem Organismus: während die Hülle statisch bleibt, ist das Innenleben digital. Dadurch wird ein Durchströmen des Hauses erzeugt, was ein hohes Maß an Flexibilität bringt und das Außen mit dem Innen verschmelzen lässt. Flexibilität ist enorm wichtig für die sich immer schneller verändernde Welt, wie von Jan Musikowki am Beispiel des Futurium eindrucksvoll dargestellt wurde. Im Futurium sind beispielsweise LED-Leuchten verbaut, welche dank schlauer Sensorik erkennen, wo sich Menschen aufhalten und nur dort hell leuchten. Das spart Energie.

Szenario Zukunft

Wie wäre es mit einem schlauen Haus, das so viel mehr Energie erzeugt, dass es den anderen, dummen Häusern helfen kann? Werner Sobek von der Werner Sobek Group aus Stuttgart präsentierte diese Idee. Er entwickelt viele kleine, digitale Einheiten, die dem Bestand unter die Arme greifen. Denn alle dummen Häuser abzureißen, um neu und digital zu bauen, ist utopisch und das Gegenteil von nachhaltig.

Oder wie wäre es mit schlauen Türen, die erkennen, wenn ich mit meinem Elektroauto heranfahre und mich per Nummernschild-Scan automatisch passieren lassen? Ich muss nicht mal aus dem Auto steigen oder einen Schlüssel verzweifelt suchen und anschließend im Schloss herumdrehen. Genial. So oder so ähnlich soll es bei unserem aktuell laufenden Projekt Weitblick 1.7 in Augsburg funktionieren. Das klingt fast wie in einem Science-Fiction-Film, nur eben in der Realität.

Die andere Seite des technischen Fortschritts: Einsamkeit. Totale Überwachung. Unmengen an digitalen Daten, die ausgetauscht, verarbeitet und gespeichert werden. Sensoren, die irgendwo innerhalb des gigantischen Organismus Fehlermeldungen anzeigen und (bisher noch) von Menschen so schnell wie möglich repariert werden müssen. Enormer Energiebedarf, um den Organismus am Laufen zu halten. Raum, um Server unterzubringen. Wärme, die heruntergekühlt werden muss. Wiederum Raum, um die Kühlung zu deponieren. Wo bleibt da die Nachhaltigkeit, von der immerzu gesprochen wird? Am Ende des Kongresses wurde deutlich: der Lebenszyklus eines Gebäudes soll nachhaltig sein, denn die Technik, die heute innovativ ist und uns Menschen das Leben leichter macht, wird in 30 Jahren veraltet sein. Wahrscheinlich wird sie in 10 Jahren bereits veraltet sein. Wir müssen für mehr Menschen mit weniger Material bauen, so Werner Sobek. Ansonsten wird unser Planet kollabieren.

Fehlt uns die Zeit?

Mit dieser Frage wurden wir von Boris Schade-Bünsow (Chefredaktion Bauwelt) aus dem Hörsaal der Akademie der Künste entlassen. Für mich wurde deutlich: am Ende entscheidet der Mensch, für den die Stadt geplant und gebaut wird. Der kleinste gemeinsame Nenner, der Mensch, sollte gerade bei der Planung und der Realisierung von digitalen Neuerungen im Fokus stehen. Die rasante Entwicklung der digitalen Technik ist von Menschen herbeigeführt, also warum regen wir uns über die Geschwindigkeit so auf?

Ich wohne in einem dummen Haus. Wir alle leben in dummen Häusern. Diese Erkenntnis kam mir nach den zwei Tagen auf dem Bauwelt-Kongress. Das einzige, was mein Haus kann, ist das automatische Öffnen der Tür, nachdem ich auf den Türöffner-Knopf gedrückt habe. Damit ist es nicht mal ein Prozent schlauer als die anderen dummen Häuser, aber immerhin! Mit einem lauten Summen und einer sich langsam und automatisch öffnenden Tür werden Gäste empfangen. Eine schlaue Tür, die mich erkennt und sich von selbst öffnet, sobald ich vor dem Haus stehe, wünsche ich mir nicht. Noch nicht. Noch ist mir meine Ich-drücke-auf-den-Türöffner-Knopf-Tür sehr lieb. Vielleicht sieht das in zehn Jahren bereits ganz anders aus.

HMH

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