Co-Living: Nur ein schicker Anglizismus für neoliberale Wohnformen?

Über das Konzept des getrennten Zusammenwohnens

Aus der Not geboren oder freiwillig?

Beim 8. Berliner Immobiliengespräch ging es um Co-Living mit der Frage „Revolution oder Reaktion auf knappe Märkte?“. Dazu lieferte zunächst Dr. Stefan Brauckmann, Geschäftsführender Direktor des Moses Mendelssohn Instituts, statistische Fakten zu sich wandelnden Wohnkonzepten, zum Wohnungsmarkt und zu Wünschen und Bedürfnissen der Mieterinnen und Mieter. Er betrachtet Gemeinschaftsexperimente eher als Zwang, weil das Preisniveau nichts anderes hergibt und Menschen mit niedrigem oder mittelstarkem Einkommen sich meistens keine eigene Wohnung mehr leisten können. Beispielsweise sind in Berlin zwischen 2012 und 2016 pro Jahr 43.000 Menschen zugezogen, wovon 36.000 zwischen 18 und 29 Jahre alt sind. Oft habe sie keine Kinder, sind unverheiratet, führen Fernbeziehungen, befinden sich im Studium, in einer Ausbildung oder haben gerade den Berufseinstieg hinter sich. Das Konzept der WG existiert erst seit den 1960er Jahren als junge Menschen sich günstige, kaum vermittelbare Wohnungen aneigneten und bis zur Kommune das Konzept des bis dahin eher familiär geprägten Zusammenlebens auf den Kopf stellten. Menschen wie diese gibt es auch heute noch, die gerne mit vielen anderen zusammenwohnen und einen Teil ihrer Freizeit verbringen. Ein Vorteil ist zum Beispiel, schneller Anschluss zu finden und damit eine Großstadt auch mithilfe anderer schneller kennen zu lernen. Die heutigen Konzepte des Shared Living oder Co-Living, die hier synonym verwendet werden, sind also in gewisser Weise nicht neu, doch ist das Feld heute vielseitiger aufgestellt.

Von der eigenen Wohnung zum geteilten Bett

Viele teilen sich mittlerweile ein Bett, weil es am günstigsten ist, manche teilen sich Bad und Küche, wiederum andere haben einzelne, kleine Wohnungen mit Pantryküche und kleinem Bad in Verbindung mit der Möglichkeit, eine größere Gemeinschaftsküche oder auch andere Aufenthaltsräume gemeinsam zu benutzen. Dabei erscheint eine Statistik, die Brauckmann nennt, bereits darauf zu verweisen, dass diese Trends im Großen und Ganzen auf dem Markt beruhen: Ein Großteil der deutschen Studierenden wolle nämlich am liebsten allein oder mit ihren Partner_innen zusammenwohnen. Bei den Eltern zu wohnen sei die unbeliebteste Wohnform. Dazwischen kommt das getrennte Zusammenleben, Co-Living, Shared Living. Da scheint es fast so, als sei die im Veranstaltungstitel formulierte Frage, ob Co-Living Reaktion oder Revolution sei, schon beantwortet: Einer Revolution liegt ein neues Selbstverständnis, ein neues Verständnis (hier des Wohnens, des Lebens, der Gemeinschaft) zugrunde. Doch davon keine Spur. Junge Menschen wollen zum Großteil allein wohnen, was sie sich nicht leisten können. Co- oder Shared Living könnte man also als von vornherein so konzipierte WG-Bauten bezeichnen, die das Allein- und Zusammensein vorgeben, was einer WG entgegensteht. Auch werden viele dieser Wohnungen möbliert angeboten, was vielen die Last nimmt, eine ganze Wohnung einzurichten. Es steht alles bereit. Spätestens hier muss man sich aber fragen, ob diese Bauten nicht zu viel vorgeben und die Mieter_innen unmündig machen. Gerade bei kurzfristigen Angeboten muss ich zwangsläufig an Hostels denken, an schicke, teure Hostels für urbane Nomaden. Doch, so Brauckmann, suchen bspw. über WG-gesucht.de nur 2,3% nach einer Zweck-WG. Die eigenen Mitbewohner_innen zu kennen oder kennenzulernen, scheint Bedürfnis zu sein.

Das studentische Wohnheim für Reiche?

An der anschließenden Diskussionsrunde nahmen Michael Keune, Managing Director der Catella Residential Investment Management GmbH, Christian Scheuerl, Geschäftsführer der MPC Micro Living Development GmbH, und Selina Zehden, COO von rent24, teil. Moderiert wurde der Abend von dem Fachjournalisten und Autoren Christian Hunziker. Dabei gerieten die Fragen nach Zwang und Freiwilligkeit/Lust auf geteiltes Wohnen und Leben zunehmend in den Hintergrund. Seline Zehden beispielsweise stellte ihr Konzept von rent24 vor, das eine Verbindung von Co-Living und Co-Working anstrebt. Im selben Haus wird geschlafen, gekocht, gelesen, gearbeitet, geredet. Muss man dann die eigenen vier Wände eigentlich noch verlassen? Und sind das dann überhaupt noch die eigenen vier Wände? Das eher mittel- bis hochpreisige Segment, das rent24 bedient, ist dabei wohl eher nichts für Studierende oder Geringverdienende, da die Wohnungen teuer sind. Dafür scheinen die für wenige Tage bis Wochen oder auch Monate zu vermietenden Objekte gerade für Touristen oder potenziell Zuziehende interessant, die eine Stadt kennen lernen oder ein grobes Gefühl für die Lebensweise in einer WG bekommen wollen. Letztlich scheint dieses Modell, wegen der Kurzfristigkeit, nicht darauf ausgerichtet, wirkliche WGs zu ersetzen. An einer Stelle muss ich aufhorchen, als Hunziker sich verspricht: „Nutzer, Mieter, wie auch immer Sie die nennen wollen.“

Hier sollte man einschreiten, denn ein Nutzer hat auf diesem eh schon prekären Wohnungsmarkt noch weniger Rechte als Mieter_innen, die sich wenigstens an den Mieterschutzbund wenden und eine Rechtsgrundlage verfechten können. Muss da nicht automatisch das Gefühl, Gast zu sein, eintreten, wenn man in solchen Co-Living-Wohnungen lebt? Scheuerl wirft an dieser Stelle ein, dass Co-Living eben keine Revolution sei, nicht einmal ein neues Format, sondern schlichtweg ein schickeres, oft temporäres Wohnen (ob nun wie in einer Zweck-WG, einer Nicht-Zweck-WG, in einem studentischen Wohnheim oder im Hostel).

Ein Effekt der beschleunigten, globalisierten Lebensweise

Wenn immer mehr Jobs befristet sind, wir heute nicht wissen, was genau morgen sein wird, und sich Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in der einen oderen anderen Weise fast überschlagen, dann ist es nicht verwunderlich, dass der Markt mit passenden Angeboten auf unsere neuen Bedürfnisse reagiert, die der Neoliberalismus hervorbringt. Wenn ich nicht nach New York/Tokio/London/Amsterdam/Berlin usw. ziehe, weil ich dort wohnen und mir etwas aufbauen will, sondern weil ich dort ein Praktikum oder einen befristeten Job bekommen habe und schnellstmöglich etwas möglichst praktisches dafür benötige, dann kommt Co-Living als professionell versorgtes, vorbereitetes Wohnen auf Zeit in einer Gemeinschaft, die einem auch noch hilft, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, gerade recht.

Die Frage ist also einstweilen gar nicht, zumindest nicht an diesem Abend, ob die verschiedenen Formate zwischen Mini-Aparments, Co-Living und Kommune eigentlich neu oder innovativ sind, sondern wie lang sich der Trend eines hier kleinteiligen Marktes aus Start-ups und Firmen, die solche Angebote anbieten, halten wird und wann Fusionen stattfinden werden. Wird es einen Anbieter geben, der bspw. in 40 deutschen Städten diese doch neuen, weil professionell gestalteten, Formen des Zusammenlebens verwalten wird? Ein Airbnb der Young Professional-WGs sozusagen. Wo Airbnb die soziale Gastfreundschaft geschluckt hat und wir uns in einer Stadt eher ein Zimmer mieten als bei Freund_innen auf der Couch zu schlafen, da könnte bald also ein (auch krisenfester) Gigant die Zukunft des getrennten Zusammenwohnens markieren, kommerzialisieren und prägen. Doch wäre das wiederum neu? Eigentlich nicht, denn die ganzen möblierten Wohnungen, die überteuert an WGs vermietet werden, gibt es beispielsweise schon zuhauf in Großstädten wie London. Ob das eine schöne Aussicht ist? Darauf wusste an diesem Abend niemand eine Antwort, auch weil die Frage erst gar nicht gestellt wurde. Möchte ich wirklich mit Teppichböden wohnen, wenn ich in London bin, nur weil die Hausverwaltung das so vorgibt? I’d rather not say, würde die Britin wohl sagen. Aber wenn wir eh nach drei Monaten wieder weiterziehen, who cares?

Shared Living: Geht doch!

Unser Projekt Shared Living ist zwar auch eine Reaktion, keine Revolution. Doch vielleicht eine revoltierende Reaktion, da es anders ist als das Gängige. Shared Living fördert ein wirkliches Beisammensein, nicht die Vereinzelung im Mikroapartment. Obwohl man dem Druck des Marktes zum Teil folgen muss, wird hier mit dem gleichen Flächenverbrauch Gemeinschaft erzeugt. Auch richtet sich unser Projekt direkt an junge Berufstätige, die froh sind, wenn beispielsweise abends jemand kocht oder wenn jemand die Zimmerpflanzen gießt, wenn man selbst im Urlaub oder auf Geschäftsreise ist. Außerdem ist Shared Living in ökologischer Holzbauweise entstanden und füllt mit seinen fünf Geschossen die Hinterhoflücke ideal aus. Digitale Features wie das Zugangssystem per App sind zwar nicht direkt gemeinschaftsfördernd, vermeiden aber einiges Streitpotenzial, das in einer WG herrscht, wenn eine oder einer den Schlüssel verliert oder vergisst. Das kann hier nicht passieren und man muss auch keine Schlüsselübergabe mit einer nicht erreichbaren Hausverwaltung vereinbaren, was einiges an Stress erspart. Zudem befinden befinden sich die Apartments im mittleren Segment bei ca. 500€, was berlinweit betrachtet mittlerweile für ein nettes WG-Zimmer, jedoch ohne Wohnzimmer oder andere Gemeinschaftsräume, reicht. Hier hat man einen gemeinsam nutzbaren Balkon, einen Multimedia-Raum und eine große Wohnküche mit dabei. Es geht also doch, gemeinschaftsfördernde Wohneinheiten zu schaffen, die dem Geist der Zeit, das heißt dem Markt, entgegenkommen, doch zielen diese gar nicht darauf, die klassische WG oder gar das Hostel zu ersetzen. Wobei es nicht verwerflich wäre, eine WG mit einem digitalen Zugangssystem auszustatten.

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