Neo-Biedermeier oder die Wende zum Gemütlichen im Digitalen

Wie Interieur unsere Bedürfnisse widerspiegeln kann

Interieur und Architektur – eine untrennbare Einheit

Auf der imm cologne in Köln sprach Helmut M. Bien mit Ralf Daab, dem Gründer und Herausgeber der Buchreihe „HIGH ON“, in der wir im Band „HIGH ON GERMAN ARCHITECTS“ (2018) vertreten sind. Dass die beiden dort über Bücher reden, ist allein schon interessant, da auf der Messe Büchern nur ein Platz als Staffage innerhalb der jeweiligen Interieurkonzepte zukommt. Daab, der früher für TASCHEN in New York gearbeitet hat und nun nach  „HIGH ON GERMAN INTERIOR DESIGNERS“ veröffentlicht, beschreibt den Wandel im Verlagswesen und die Eventisierung und Digitalisierung des Buchhandels.

Dem steht Ralf Daabs Meinung, dass das Buch dennoch oder genau deswegen wieder an Bedeutung gewinne, entgegen. In welcher Hinsicht er dies meint, bleibt offen. Daab schildert auch, dass immer mehr Unternehmen Corporate Publishing betreiben und im Rahmen dessen bspw. eigene Monografien veröffentlichen würden. Daab will jedoch multiperspektivisch arbeiten und gestaltet seine Bände konzeptbasiert. Er gibt das Thema vor, recherchiert, fragt dann ausgewählte Büros an, einige sagen zu, andere ab – und liefern dann ihre Beiträge. Anschließend gelangen die Bände in den internationalen Handel. „High On German Architects“ und auch die Vorschau auf „High On German Interior Designers“, die als Projektion an der Wand abläuft, zeigen Daabs Interesse an der Verbindung von Interieur und Architektur, die an und für sich schon kaum voneinander getrennt denkbar sind.

Wie wollen wir wohnen?

Daab schildert sein Interesse an neuen Formen des Wohnens und Lebens, wie zum Beispiel die der Lounge, die dem permanent Erreichbaren, digital Vernetzten entgegenstehen, aber aufs engste damit verknüpft sind, da sie gebraucht werden, um sich von ersteren zu erholen und Abstand dazu zu gewinnen. Vielleicht meint Daab auch mit seiner Aussage, dass das Buch wieder an Bedeutung gewinne, keine quantitativ messbare Größe, zum Beispiel Verkaufszahlen, sondern das Objekt „Buch“ als solches, das, wie eine Lounge, das Digitale kontrastiert: Während man wirklich liest, ist man nur für den Inhalt eines Buchs erreichbar, für sonst nichts. Schon gar nicht für Nachrichten, News und Werbung.

Anschließend wirkt die imm cologne, eine internationale und international bedeutsame Einrichtungsmesse, doch recht biedermeierlich: Die Mehrheit der Designs setzt auf Altbewährtes, Bekanntes und daher auf Nostalgie und den Retro-Faktor, der die alten Zeiten (vor allem vom Bauhaus und den 60er Jahren mit viel Teakholz, aber ohne Aschenbecher) heraufbeschwört und doch nur die Kopie einer Kopie einer Kopie sein kann. Ist das verwunderlich, wenn auf einmal alles, unser gesamtes Leben, also die Wirtschaft, unsere Privatsphäre, unsere gesamte Lebensrealität digital(isiert) und daher abstrakt und teilweise ungreifbar und nicht nachvollziehbar wird? Wenn der Einzelhandel sich immer mehr auflöst und von abstrakten Online-Plattformen übernommen wird, unsere gesamte Art einzukaufen, zu kommunizieren, sich zu informieren, Wissen anzueignen, zu lesen durch die Digitalisierung doch recht ruckartig über den Haufen geworfen und wenn nicht obsolet doch zumindest stark in Frage gestellt und stellenweise auch einfach ersetzt wird?

Digitales Leben – mit Wohlfühl-Nostalgie

Technologie und Ästhetik werden auf der imm cologne als zwei Teile gesehen, die Hand in Hand gehen können. Neben vielen digitalen Features verwundert es dann aber doch, wie undigital (fast antidigital) viele der präsentierten Stücke wirken. Die Eichentische könnten aus den 60er Jahren stammen, die unveränderten Idell-Lampen stehen unverändert dort, auch wenn sie nun von einer anderen Firma produziert werden, Designklassiker wie so mancher Thonet-Stuhl, viel Holz, viel Rustikales, viele Pflanzen, die an den Trend des Urban Jungle erinnern. All das ist hübsch und nett, aber nicht neu oder wirklich interessant, weil es eine Wohlfühlatmosphäre versprüht, die sich aus dem Bekannten, dem Gewöhnlichen, dem Schönen und (vermeintlich) Zeitlosen zusammenfügt.

Sie funktioniert, aber progressiv oder revolutionär ist etwas Anderes. Dass wir uns unsere urbanen Nester wie Vogelnester mit viel Holz im Grünen einrichten, in die wir nach einem Tag voll entfremdeter, digitaler oder zumindest immer abstrakter werdender Arbeit zurückkehren, ist nicht verwerflich, aber interessant, da wir, das sagen zumindest viele der Möbel auf der imm cologne, keine digitalen Features an unserem Bett, in unserem Sideboard, Teppich oder Sofa wollen. Vielleicht, so scheint es, sind wir einfach nicht willens oder noch nicht bereit, vollständig digital vernetzt und erreichbar zu sein. Vielleicht zum Glück, aber führt das wirklich zu einem Einheitsdesign? Fraglich ist auch, ob hier die Branche sich nicht zu stark an den vermeintlichen Bedürfnissen der potenziellen Kund_innen orientiert und diesen nichts wirklich Neues zumuten will. Fast wirkt die imm cologne wie ein Schonprogramm, wo man nur hoffen kann, dass wir bald wieder aus unserem neobiedermeierlichen Refugium austreten, Inneneinrichtung sich etwas traut und uns zutraut und vielleicht wieder verstärkt experimentiert wird. Einen Stuhl aus Altplastik herzustellen, ist so indifferent, dass es nicht der Rede wert ist.

Smart Living, Smart Being

Aber ein Haus? Why not! Hoffentlich kann die Architektur das auffangen, was das Interior Design derzeit in weiten Teilen verpasst: Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie die Digitalisierung, die wir nicht ignorieren oder durch eine konservative, nur zurückblickende Kehrtwende und Abwendung vom Neuen leugnen, sondern kritisch und auch mutig mitgestalten sollten. Unser Shared Living in der Stromstraße, wo sich die Tür digital per App öffnen lässt, oder der Entwurf für das Quartier Quäkerstraße in Reinickendorf, das mit sensorischer Müllentsorgung das Zuhause zu einem Smart Home macht, und auch unser Projekt in Augsburg, das einen Venenscanner für den Zugang benutzt, der ähnlich wie ein Fingerabdruck-Scanner arbeitet, zeigen, dass digitale Features Hand in Hand gehen können mit progressiver Architektur und Design. Gerade in der Stromstraße zeigt sich auch eine mögliche und auch ästhetisch ansprechende Verbindung von klassischem, auch rustikalem Design und zukunftsfähiger Bauweise und zukunftsweisenden Designs, die auf unsere Bedürfnisse in einem digital-vernetzten und doch, oder gerade deswegen, auf ganz leibliche Gemeinschaft ausgerichteten Leben unterstützen. Digitales und Gemütliches schließen nicht einander aus, man kann es gekonnt zusammenbringen.

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